GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Brief an Tante Marga

Zierlauch (c) C. Petring
Datum:
Do. 10. Juni 2021
Von:
Monika Peine, Gemeindereferentin

Liebe Tante Marga,

gestern, bin ich, wie immer nach der Arbeit, am Jugendheim vorbeigefahren und habe dort die drei Tannenbäume gesehen. Unsere Bäume.

Weißt Du noch?

Du hattest zu Weihnachten ein Paket geschickt.

Aus dem Schwarzwald.

Uns kam es damals so vor, als wohntest Du am Ende der Welt. Schwarzwald, wo immer das auch sein mochte, es war weit weg, denn wir mussten, um zu Dir zu kommen, sehr lange mit dem Auto fahren. Es gibt dort viel Tannenwald und sehr hohe Berge, das wussten wir von den seltenen Besuchen bei Dir.

Ich fand es immer sehr schön bei Dir, denn Du hast uns viel erzählt von Dir, Deiner Familie und von Deinem Glauben an Gott.

Fasziniert war ich von Deinem riesigen Blumengarten. Wo man hinsah: Blumen. Wildblumen in Hülle und Fülle. Jede einzelne Pflanze hast Du gehegt und gepflegt. Einzig Verdorrtes und Verblühtes nahmst Du weg, um den Pflanzen ihr Wachstum zu erleichtern.

Abpflücken durften wir nie davon. Du hast uns Kindern erklärt, dass es den Pflanzen viel besser geht, wenn man sie in ihrer Umgebung belässt, als sie abgeschnitten in einer Vase stehend dem Tod zu weihen. Als Kind hab ich nicht verstanden, was Du gemeint hast, wenn Du davon sprachst, dass alle Geschöpfe von Gott gewollt seien und es uns nicht zustehe, sie zu verletzen. Aber als brave Nichte fügte ich mich natürlich Deinen Anweisungen, obwohl es mir ehrlich gesagt oft schwer fiel. Ich hätte zu gern einen Blumenstrauß gepflückt und in mein Zimmer gestellt.

An die Ankunft des besagten Weihnachtspaketes kann ich mich noch ganz genau erinnern. Als Füllmaterial hattest Du geschlossene Tannenzapfen beigelegt. Eher unachtsam legten wir die Zapfen auf die Fensterbank, direkt über der Heizung, denn Deine Geschenke waren an dem Tag für uns Kinder viel wichtiger. Das verstehst Du sicher.

Nach ein paar Tagen hatte sich einer der Zapfen geöffnet. Mutti zeigte uns die inliegenden Samen und startete gemeinsam mit uns ein Experiment: Wir legten die einzelnen Samen in die Erde, gossen sie ab und an und hofften, dass sich etwas tun würde.

Und tatsächlich, nach einer Weile kamen aus drei der Töpfchen kleine grüne Triebe. Danach setzen unsere Pflänzchen einen kleinen Ring aus Nadeln an. Das fanden wir Kinder niedlich, weil wir an einen mini kleinen Schornsteinfegerbesen erinnert wurden.

Mit der Zeit wurden unsere Bäumchen größer und es kamen immer neue Nadelringe hinzu.

Einige Jahre später waren die drei Bäumchen zu groß und zu schwer für unseren kleinen Balkon geworden und wir überlegten gemeinsam, wie es mit ihnen weitergehen könnte.

Mutti schlug vor, im benachbarten Jugendheim zu fragen, ob wir unsere Bäumchen dort in den Garten setzen dürfen.

Den Rest der Geschichte kennst Du.

Was damals in Deinem Paket an Geschenke für uns drin war, das weiß ich nicht mehr, aber die Bäume stehen seit über vierzig Jahren im Garten des Jugendheims. Sie sind inzwischen gut 15 Meter hoch, augenscheinlich gesund und jedes Mal, wenn ich sie sehe, denke ich an Dich, Deinen Blumengarten und Deine Erzählungen von Dir und Deinem Glauben an Gott. Und freue mich natürlich über unser gelungenes Experiment.

Das Internet sagt, dass Tannenbäume 500 Jahre alt werden können. Von daher betrachtet haben unsere Bäume, wenn weiterhin alles gut geht, noch einen langen Lebensweg vor sich.

Aus meiner Sicht stehen die Bäume den größten Teil meines gesamten Lebens dort, und wenn sie erzählen könnten, wüssten sie sicher so einiges zu berichten.

Inzwischen habe ich verstanden, dass Flieder, Zierlauch, Mohn oder Löwenzahn zügig eingehen würden, stellte man sie in eine Vase.

Ich habe auch verstanden, was damit gemeint ist, wenn uns die Bibel davon erzählt, dass unser christlicher Glaube an Gott aus einer kleinen Keimzelle vor 2000 Jahren um Jesus herum entstanden ist.

Nach wie vor fällt es mir allerdings manchmal schwer, zu erkennen, was in meinem Glauben verdorrt bzw. verblüht ist und abgetrennt werden muss, um das Wachstum Gottes in mir erneut zu stärken. Auch wenn es bei mir sicher keine 500 oder gar 2000 Jahre werden, ich arbeite weiter daran, versprochen.

Fühl Dich herzlich umarmt, liebes Tantchen.

Ich wünsche Dir viel Gesundheit und schicke herzliche Grüße,

Deine Nichte Monika

 

 

 

Monika Peine, Gemeindereferentin