GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Der internationale Holocaust-Gedenktag…

Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (Israel) (c) Foto: Abir Sultan / dpa
Datum:
Fr. 29. Jan. 2021
Von:
Pfr. Rüdiger Hagens

Der internationale Holocaust-Gedenktag…

… wurde am vergangenen Mittwoch (27.1.) begangen. Er dient, gerade in Deutschland, dem Ziel, an die Opfer der Schoah zu erinnern und wachsam zu bleiben in Bezug auf Ursachen, Hintergründe und heutige Formen des Antisemitismus. Und da gibt es ja so manches, was einem begegnet. Zum Beispiel der folgende Satz:
„Denn es gibt viele Ungehorsame, Schwätzer und Schwindler, besonders unter denen, die aus dem Judentum kommen. Diese Menschen muss man zum Schweigen bringen, denn aus übler Gewinnsucht zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren.“

Wo steht so etwas? Im Programm einer rechtsextremen Partei? In Hitlers „Mein Kampf“? – Weit gefehlt. Diesen Satz finden wir im Neuen Testament: Titusbrief, 1. Kapitel, Verse 10 und 11. Es geht hier um judenchristliche Mitglieder der Gemeinde auf Kreta, vor denen gewarnt wird – allerdings nicht, weil sie jüdischer Herkunft sind, sondern weil sie das Falsche lehren und mehrheitlich als Juden gläubig geworden sind. Aber solche Feinheiten werden im Verlauf der Wirkungsgeschichte eines Textes gerne überlesen. Und so haben wir uns auch als Christen immer wieder mit unserer Tradition auseinanderzusetzen. Wo muss man sie kritisieren, wo sind wir schuldig geworden, wo muss man sich aus heutiger Sicht distanzieren? – Zum Glück gibt es ja auch Stellen im Neuen Testament, die in eine andere Richtung weisen.  Wenn etwa das Johannesevangelium kurz und unmissverständlich vermerkt: „…das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22).

Ja, die Juden sind unsere älteren Geschwister im Glauben. Das müssen wir uns immer neu vergegenwärtigen. Und vor diesem Hintergrund ist es beschämend, dass in Deutschland ein „normales“ Leben für die jüdische Gemeinschaft auch 75 Jahre nach der Schoah nicht möglich ist. Synagogen und jüdische Einrichtungen müssen bewacht und abgesichert werden. Mancher Träger einer Kippa sieht sich Anfeindungen ausgesetzt.

Insofern sollten wir, die wir uns pandemiebedingt nach einer „neuen Normalität“ sehnen, in Kirche und Gesellschaft auch dafür sorgen und eintreten, dass es für das Judentum eine „neue Normalität“ gibt. Die kann nach der Schoah in Deutschland nie wieder die alte sein. Aber so wie wir ohne Angst in eine Kirche gehen können, vor der kein Polizist steht, so sollte auch eine Synagoge am Sabbat ohne Angst, ohne Polizeischutz, in aller Freiheit und Normalität besucht werden können. 

Pfr. Rüdiger Hagens