GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Erste große Liebe

Datum:
Fr. 15. Jan. 2021
Von:
Melanie Kwasnitza

Erinnern Sie sich an Ihre erste große Liebe? Die Schmetterlinge im Bauch? Die erste Begegnung? Meine Eltern erzählen gerne davon, wie sie sich kennengelernt haben – ihre erste große Liebe, die dann auch die einzige in ihrem Leben blieb. In den ersten Januartagen haben sie ihre Diamantene Hochzeit gefeiert. Natürlich nicht so richtig, aufgrund der Pandemie, das wollen sie im Sommer nachholen, aber mit digitalen Hausgottesdienst und Sektempfang „online“ musste es dann schon sein.

Mein Vater erzählt gerne, dass ihm meine Mutter sofort aufgefallen sei. Nur wie sollte er sie ansprechen? Beide waren Studierende an der damaligen Webschule, der heutigen Hochschule Niederrhein. Ab und zu lief man sich über den Weg. Allein der Mut fehlte. Und jetzt kommt die Geschichte, die er heute noch gerne erzählt: Von weitem sah er sie kommen, da bückte er sich, um sich die Schnürsenkel zu binden. In dem Augenblick, als sie neben ihm stand, stand er auf, hat sich endlich getraut und sie angesprochen. Ich bin mir sicher, meine Eltern wissen noch genau den Tag und die Stunde. Meine Mutter erzählt dann gerne weiter, wie sie Kuchen gebacken hatte und ihm extra ein Stück eingepackt in die Turnschuhe gesteckt hat. Die erste große Liebe vergisst man so leicht nicht mehr. Welches Glück, wenn sie auch so lange anhält!

Auch in der Bibel lesen wir von dem ein oder anderen Paar, aber dass gerade die erste Begegnung Jesu mit den Jüngern (Joh 1, 35–42) sich wie eine Liebesgeschichte liest, erstaunt doch sehr: Am Jordan macht Johannes seine Jünger auf Jesus aufmerksam und da passiert etwas völlig Unerwartetes. Diese sind so fasziniert von Jesus, dass sie Jesus nachgehen. Jesus merkt das, dreht sich um, spricht sie an und fragt: „Was sucht ihr?“ Das ist übrigens das erste Mal, dass Jesus im Johannesevangelium etwas sagt: „Was wollt ihr? Was sucht ihr? Was ersehnt ihr?“ Das ist wohl nicht nur die erste und entscheidende Frage, der sich die beiden in der Begegnung mit Jesus stellen müssen – sondern auch die erste Frage, die Jesus den interessierten Lesenden des Evangeliums stellt. „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ hat Nelly Sachs einmal gesagt. Mit dieser Sehnsucht beginnt hier eine ganz besondere Liebesgeschichte.

Wie oft bei einem ersten Gespräch, beim Smalltalk, fragen die beiden Jesus: „Wo wohnst du?“ Aber sie haben mehr im Sinn, als nur einfach die Straße, die Hausnummer zu erfahren. „Wo wohnst du?“, heißt das nicht auch: "Wo kann ich dich finden, wenn ich dich brauche?" Oder: "Wo treffe ich dich eigentlich privat an? Wo kann ich sehen, so wie du wirklich bist?" Die Fragenden sind neugierig geworden auf diesen Wanderprediger und möchten wissen, mit wem sie es zu tun haben. Was macht das Leben dieses Jesus aus? Was treibt ihn an? Welcher Sehnsucht folgt er? Sie spüren, dass er vielleicht keinen festen Wohnsitz aufweisen kann, aber trotzdem nicht heimatlos ist. In seinem Unterwegssein mit den Menschen fühlt er sich tief verbunden, sicher und geborgen in Gott. Diese In-Gott-Geborgenheit möchte Jesus unbedingt teilen. So wie wir in „normalen“ Tagen gerne unsere Wohnung zeigen und andere einladen, so sagt Jesus zu den beiden: „Kommt und seht!“ Seht euch ruhig um! Schaut selbst, ob ihr in Gott ein Zuhause finden könnt! Bleibt bei mir und lebt mit mir!

Und wie geht es den, man könnte sagen, „frisch verliebten“ Jüngern?  Sie bleiben und ihnen wird diese erste Begegnung mit Jesus nie mehr aus dem Kopf gehen, so dass sie auch nach langer Zeit noch genau wissen, dass es „um die zehnte Stunde“ war damals. Wenn das kein Zeichen von großer Liebe ist! Wen wundert es da, dass es auch in den folgenden Kapiteln des Johannes-Evangeliums immer wieder um die Liebe geht? Die Bibel erzählt eben doch und vor allem eine wunderbare Liebesgeschichte – die Geschichte Gottes mit uns Menschen.

Manuela Thies-Diekamp, Gemeindereferentin