GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Frühstücken mit Elisabeth

Frühstücken mit Elisabeth (c) M. Thies-Diekamp
Frühstücken mit Elisabeth
Datum:
Fr 20. Nov 2020
Von:
Manuela Thies-Diekamp, Gemeindereferentin

Am Samstagmorgen geht nicht wie sonst der Wecker schon um kurz vor 6. Wir schlafen etwas länger. Während mein Mann die Frühstücksbrötchen holt, decke ich den Tisch und koche Kaffee. Dieses Mal bringt mein Mann eine Brötchentüte mit einem interessanten Aufdruck mit: „Spendenbrot“. 50 Cent des Erlöses dieses Brotes werden von der Bäckerei an eine Einrichtung für sozial benachteiligte Kinder gespendet. Eine tolle Idee finden wir. Gemeinsam erinnern wir uns, dass es vor vielen Jahren eine ähnliche Aktion gab. Damals hieß das Spendenbrot „Elisabeth-Brot“ und konnte in den Bäckereien in unserer Nachbarschaft gekauft werden.

 

Eine große Frau und Heilige war Elisabeth von Thüringen. Sie ist die Ahnfrau der Caritas-Arbeit. Krankenhäuser tragen noch heute ihren Namen und erinnern daran, dass sie im 13. Jahrhundert solche Einrichtungen gegründet hat und selbst Kranke gepflegt hat. Die Elisabeth-Konferenz hatte früher in den Gemeinden die karitativen Aufgaben im Blick.

 

Aber hat Elisabeth uns heute noch etwas zu sagen?

 

Elisabeth wurde 1207 geboren, ist nur 24 Jahre alt geworden. Sehr jung, verheiratet, drei Kinder. Vieles aus ihrem Leben klingt für uns heute fremd und manches liest sich nur mit einem gewissen Unbehagen. Dass die junge ungarische Prinzessin schon als kleines Kind verlobt und mit Ludwig von Thüringen verheiratet wurde - zum Beispiel. Eine arrangierte (Kinder-)Hochzeit galt lange Zeit in den Königshäusern als politischer Schachzug. Heute engagieren wir uns konsequent gegen Zwangs- und Kinderehen.

 

Da ist aber auch eine junge Frau, die sich etwas traut! Man erfährt von ihrem großen Gerechtigkeitssinn und ihrem Protest. Der Hof von Thüringen lebte von den Abgaben der Bauern. Wenn Elisabeth hörte, dass die Abgaben freiwillig erfolgten, klatschte sie in die Hände und sagte: „Lasst uns froh essen.“ Hörte sie aber, dass die Bauern unter Druck gesetzt wurden, verzichtete sie auf die Mahlzeit. Viele bei Hofe haben Anstoß genommen und fanden es ungehörig. Eine junge Prinzessin hatte vor 800 Jahren einzig die Aufgabe, still für einen Thronfolger zu sorgen.

 

Ihr Einsatz für die Armen und Kranken war eine zwingende Konsequenz aus ihrem tiefen christlichen Glauben heraus. Elisabeth brachte den Armen rund um die Wartburg Lebensmittel und Brot, damit diese nicht verhungern mussten. Die Familie war nicht immer einverstanden damit, dass sie das Geld so freigebig den Armen zukommen ließ. Davon erzählt die bekannte Geschichte von dem Korb mit Brot und Rosen. Als der Landgraf das Tuch über dem vermeintlichen Korb mit dem Brot für die Armen lüften will, findet er statt des Brotes Rosen in Elisabeths Korb. „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht.“

 

700 Jahre später wurden „Brot und Rosen“ zum Symbol der Frauenrechtsbewegung. Ist das ein Zufall? Die New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman forderte 1911: „The woman worker needs bread, but she needs roses too.“ („Die Arbeiterin braucht Brot, aber sie braucht auch Rosen.“) Sie forderte nicht nur einen gerechten Lohn (Brot), sondern auch eine menschenwürdige Arbeits- und Lebensumgebung (Rosen). Bei einem Streik von 14.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence/ USA gegen Hungerlöhne und Kinderarbeit im Jahre 1912 entstand das Lied „Brot und Rosen“. Vielleicht mögen Sie – bevor Sie weiterlesen – mit dem Lied und vielen Fotos in die Zeit um 1900 eintauchen:

https://www.youtube.com/watch?v=VEffTvbVqmc

Die Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollten durch ihren Protest niemanden ausschließen. Sie standen nicht nur für sich selbst auf der Straße, sondern auch vor allem für ihre Familien, ihre Männer und Kinder, gegen unmenschliche Lebensbedingungen und das weltweit. Ich stelle mir vor, wie Elisabeth – hätte sie nicht im 13. Jahrhundert, sondern Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt – wie sie aus ihrem tiefen Glauben heraus mutig an der Seite dieser Frauen protestiert hätte.

 

Und wenn Elisabeth heute im Jahr 2020 eine junge Frau wäre? Würde sie zuhause ihre Eltern nach „Fair Trade“ fragen, vielleicht auch nach „Tier-Wohl“ oder „Bio“, bevor sie sich an den Tisch setzen würde? Und dann vor Freude in die Hände klatschen. Vielleicht würde sie freitags mit den Jugendlichen auf die Straße gehen und für den Klimaschutz protestieren. Vielleicht hätte sie in Hambach in einem Baumhaus gewohnt.

Ich bin mir sicher, sie wäre irgendwo in unseren Gemeinden in der Caritas unterwegs. Würde Einsame besuchen oder anrufen, damit sie sich in diesen isolierten Zeiten nicht allein fühlen. Sie würde sich für gleiche Bildungschancen aller Kinder einsetzen. Sie würde dafür sorgen, dass Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, ein sicheres Zuhause finden. Sie wäre in den Krankenhäusern und Altenheimen, würde den schwer Kranken und Sterbenden die Hand halten und mit ihnen beten…

Ganz schön viel, aber ich bin sicher, Elisabeth wäre bei ihnen.

 

Manuela Thies-Diekamp, Gemeindereferentin