GdG St. Peter Mönchengladbach-West

„Gut, dass es Krankenhäuser gibt. Aber keiner will wirklich gerne dort sein.“ ...

(c) CC0 1.0 - Public Domain (von unsplash.com)
Datum:
Do. 11. Nov. 2021
Von:
Andreas Kamphausen

..., so der wohl treffende Satz einer Krankenschwester.

Selbst nur als Besucher ein Krankenhaus zu betreten, weckt bei manchen ungute Gefühle. Das kann ich verstehen. An Krank-Sein wird niemand gerne erinnert.

Dazu kommt, dass ein Krankenhaus wie eine fremde Welt wirkt, wie eine Stadt für sich, mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, Strukturen und Abläufen, die wir aus unserem Alltag nicht kennen, die uns fremd sind und uns unter Umständen auch Angst machen.

Natürlich bemühen sich die Kliniken mehr und mehr, eine gute, eine „wohnlichere“ Atmosphäre zu schaffen und die allermeisten Schwestern, Pfleger und Ärzte sind freundlich, hilfsbereit und den Patienten zugewandt und üben ihren schweren Beruf kompetent und mit innerer Überzeugung aus.

Und wer es schon erlebt hat, weiß, was ich meine: das Gefühl, gesund oder geheilt wieder entlassen zu werden – unbezahlbar.

Im Übrigen - selbst das Essen auf den Stationen ist im Laufe der Jahre deutlich besser geworden.

Aber ich bleibe dabei: „Gut, dass es Krankenhäuser gibt. Aber keiner will wirklich gerne dort sein.“.

Ein kleiner Teil dieser „Stadt für sich“ in den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach ist die ökumenische Krankenhausseelsorge.

Ein paar Wochen ist es her, ich drehe meine Runden durch die Klinik, als die Schwester an der Leitstelle einer Station meinte, ich möge doch mal zu Frau S. gehen. Diese hätte eine schlechte Diagnose bekommen und ein Gespräch mit mir würde ihr sicher guttun. Ich klopfe also an, betrete das Zimmer, stelle mich vor und muss erkennen, dass ich mich wohl im Zimmer geirrt habe. Denn dort lag nicht eine Frau S., sondern ein Herr F.

Dieses Missverständnis allerdings führte nicht nur zu anfänglichen Lachen, sondern auch zu einem sehr tiefgründigen Gespräch. Herr F. und ich, wir sprachen über den Grund seines stationären Aufenthaltes und über die letzten Spiele der Borussia (also der „richtigen“ Borussia). Nach und nach fasste Herr F. Vertrauen, wir sprachen über sein schwieriges Verhältnis zu seinen Kindern und seine Erkenntnis, dass seine Arbeit ihm noch nie wirklich Freude gemacht hat. Wir suchten zusammen Wege und Perspektiven. Wir lachten und scherzten und konnten doch im nächsten Moment wirklich ernst sein.

Es fiel nicht ein einziges Mal das Wort „Gott“, aber ich bin fest überzeugt, dass Gott anwesend war, mitten dabei. Herrn F. und mir ganz nah.

Ich weiß bis heute nicht, ob Herr F. katholisch, evangelisch oder vielleicht auch konfessionslos ist - das ist auch nicht wichtig. Wie sagte mein lieber evangelischer Kollege Pfr. Schimanski mal zu mir: „Ich habe im Krankenhaus noch nie einen katholischen Beinbruch gesehen oder evangelischen Krebs. Das gibt es nicht. Was es gibt, sind Menschen. Und die haben Not “ Wie wahr.

Konfessionen spielen höchst selten noch eine Rolle in der Klinik-Seelsorge, vielleicht noch wenn es um die Frage nach Abendmahl oder Beichte geht, aber - und das ist meine feste Überzeugung: Gott lässt sich nicht einteilen, zerteilen in Konfessionen oder Religionen. Wenn es ihn überhaupt gibt, dann ist er der Vater aller Menschen.

Und übrigens, ja... Frau S. mit der schlechten Diagnose habe ich danach besucht. Und ja, wir beide sprachen über diesen Gott, dessen Wege und Liebe so völlig unverständlich sind. Und ich musste Frau S. sagen, dass auch ich keine Antwort habe auf die Frage, warum grade sie, sie hätte doch niemandem etwas getan. Und warum dieser Gott so viel Leid zulässt. Nein, auch ich habe keine Antwort. Ich habe lediglich eine Hoffnung. Und über diese sprachen wir.

Krankenhausseelsorge bietet sich an, da zu sein und da zu bleiben, wo man am liebsten weglaufen würde. Bietet an, ein Stück mitzugehen und Fragen, auf die es keine Antwort gibt, mit auszuhalten.

Gut, dass es Krankenhäuser gibt.

Gut, dass es die Krankenhausseelsorge gibt.

 

Andreas Kamphausen

Krankenhausseelsorger in den Kliniken Maria Hilf MG