GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Kirche unterwegs

Junges Paar (c) Bild: Peter Weidemann, In: Pfarrbriefservice.de
Datum:
Fr. 9. Apr. 2021
Von:
Manuela Thies-Diekamp

Die beiden schauen sich nicht an. Schnell geht der Atem, die Augen sind auf den Weg gerichtet. Ab und zu dreht einer sich um, als wenn sie auf der Flucht wären. Leise erzählen sie von dem, was in den letzten Tagen passiert ist und das sie jetzt zur Flucht veranlasst hat. Flüsternd sind sie tief in ihr Gespräch versunken. So zucken sie zusammen, als plötzlich ein fremder Wanderer sie anspricht. Er war schon einige Zeit neben ihnen unterwegs, ohne dass sie ihn richtig bemerkt hatten. „Worüber redet ihr da gerade?“, er schaut ihnen in die Augen.

Und obwohl sie diesen Menschen, noch nie gesehen haben, beginnen sie sofort zu erzählen. Von ihrer großen Enttäuschung: Der, von dem sie sich Großes erhofft hatten, ist als Verbrecher enttarnt und verhaftet worden. Das Gerichtsurteil ist gefällt, die Strafe wurde vollzogen. Das hatten sie niemals erwartet. Er ist doch gekommen, um alles zum Guten zu wenden. Sie sind verwirrt, im Tiefsten enttäuscht und wissen nicht mehr, an was sie eigentlich noch glauben sollen. Und dann erzählen sie von ihrer großen Sorge und Angst und wie die Leute mit dem Finger auf sie zeigen: „Hey du! Du gehörst doch auch dazu!“ Dann ducken sie sich weg und denken: „Gehöre ich wirklich noch dazu? Ist doch eh alles vorbei. Aus und vorbei!“ Das ist auch der Grund, warum sie nun weggehen. Ganz weit weg.

Meine absolute Lieblingsgeschichte in der Bibel ist die österliche Erzählung von den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24). In diesem Jahr bekommt aber das „Weggehen“ der Emmaus-Jünger für mich eine ganz neue Bedeutung. Als Kirche stehen wir heute mitten in einer tiefen Krise. Immer mehr Menschen verlassen die Kirche, treten aus. Die Gründe sind vielfältig. Die Veröffentlichungen der Missbrauchsstudien in den Bistümern hat das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche offengelegt. Die Zahlen der Opfer und Täter nehmen einem den Atem. Der Eindruck der Vertuschung bleibt: Täter wurden gedeckt, über die Opfer spricht keiner. Ein neuer Aufschrei geht durch unsere Kirche mit der Anordnung aus Rom, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht gesegnet werden dürften. Schon haben mehr als 2500 Priester, Gemeindereferent*innen und Pastoralreferent*innen eine Petition dagegen unterschrieben. Viele Frauen in der katholischen Kirche fühlen sich als Menschen zweiter Klasse. Im März hat Maria 2.0 Thesen an Kirchtüren geschlagen.

Zurück nach Emmaus, im Jahre 30: Der Fremde hört zu, ganz geduldig, lässt sie aussprechen – und dann redet er selbst und versucht, all das Erlebte in einen großen Zusammenhang zu stellen. Das Gespräch tut den beiden Flüchtenden gut, langsam wird der Puls ruhiger, die Anspannung löst sich. „Bleib bei uns, gleich wird es dunkel.“ Sie möchten ihn gar nicht mehr gehen lassen. Jesus folgt ihrer Bitte. Gemeinsam gehen sie in die Herberge und essen miteinander, so wie sie es immer mit Jesus getan haben.

Schnell hören die Parallelen zwischen „Emmaus im Jahr 30“ und „Kirche 2021“ auf. Jesus war unschuldig, er war das Opfer – Pilatus wäscht sich angesichts dieses/ seines unrechten Urteils die Hände in Unschuld. Dagegen stehen Täter in unserer Kirche, einem Ort, an dem man sich sicher führen sollte. Sie sind die Verantwortlichen für Leid und Traumata bei den Opfern, sind Gewalttäter, Kriminelle, schuldig.

Mit dem Gedanken, der Kirche den Rücken zu kehren, beschäftigen sich mehr und mehr auch treue Christ*innen, kirchlich Engagierte, Menschen aus dem Kern der Gemeinden, Hauptamtliche. Entsetzen, ungläubiges Staunen, Misstrauen, fehlende Transparenz, Zweifel... „Wie kann so etwas in Kirche passieren?“ Auch wir spüren, wie mit dem Finger auf uns gezeigt wird, man über uns lacht oder auch Unverständnis zeigt, weil wir uns immer noch zu dieser Kirche bekennen und dazu gehören möchten. In all diesem Dunkel würden wir am liebsten Jesus zurufen: „Bleib bei uns, es wird dunkel.“ Wie wichtig sind jetzt Gespräche und Austausch! Welches Glück war das für die Emmaus-Jünger, dass Jesus ihnen alles erklären könnte! Was würde er uns heute sagen?

Die Bibel erzählt, dass die beiden Emmaus-Jünger dann Jesus plötzlich nicht mehr sehen. Sie sagen zueinander: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust…?“ Und dann kehren sie um und gehen zurück nach Jerusalem.

Mir tut es gut in diesen Zeiten, den Blick auf Projekte und Aufgaben in der GdG St. Peter zu wenden. Hier leben wir Gemeinde, in verschiedenen Gruppen, mit verschiedenen Menschen. Hier ist Kirche und Gemeinde! Hier sorgen wir durch Schulungen und Konzepte, dass über das Thema „Missbrauch“ offen geredet werden kann. So sorgen wir für Transparenz und schaffen Strukturen, die weitere Missbrauchsfälle verhindern sollen. Und ich merke trotz aller Fragen, Zweifel, Wut und Enttäuschung: Mein Herz „brennt“ für die Sache Jesus. Zum Beispiel für einen Familienkreuzweg an Karfreitag – trotz Corona und Lockdown. Oder für „Neue Wege gehen“, um Kirche und Glauben anders erlebbar zu machen. Oder für Frauengottesdienste…

Und für was brennst Du?

Manuela Thies-Diekamp, Gemeindereferentin