GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Solingen

Schatten (c) ZEIT ONLINE, 10. August 2018
Schatten
Datum:
Fr 11. Sep 2020
Von:
Dr. Peter Uelkes

… ist in der vergangenen Woche der Ort einer furchtbaren Tat gewesen. Eine Mutter tötet fünf ihrer Kinder. Mich hat das erschrocken und betroffen gemacht, ich vermute: Sie auch.

Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Aber welche Abgründe existieren da im Herzen, von welchen Mächten ist ein Mensch getrieben, der solches tut?

Ehrlicher­weise muss man hinzufügen: wer sein eigenes Herz, sein eigenes Denken inspiziert, der wird auch manchmal erschrecken, welche Gehässigkeit, welche Gewaltphantasie, welche abartige Vorstellung, welche Verzweiflung sich da meldet. Der Philosoph Immanuel Kant spricht von einem Hang zum Bösen, der dem Menschen innewohnt. 

Dazu kommt, dass ganze Systeme wie durchzogen scheinen von den Mächten des Bösen. Das sogenannte Dritte Reich. Der inter­nationale Drogenhandel. Das System des Verharmlo­sens und Vertuschens des sexuellen Missbrauchs in unserer Kirche. Der islamistische Terrorismus (11. September!). Wie in ei­nen Strudel wurden und werden Menschen in solche Systeme hinein gezogen und mit dem Bösen infi­ziert. 

Man muss nicht unbedingt an den Leibhaftigen mit Hörnern und Pferdefuß glau­ben. Aber wenn wir uns selbst, wenn wir unsere Welt ernst nehmen, dann walten durchaus Mächte des Bösen, die noch tiefer greifen als psychische Krankheiten, kranke Strukturen und menschenverachtende Ideologien. Die theologische Tra­dition nennt dies das mysterium iniquitatis, das Geheimnis des Bösen. 

Umfassende Erlösung und Heilung kann es aber nicht am Bösen vorbei geben. Des­halb hat Jesus als Exorzist gewirkt, Deshalb hat er sich den Mächten des Bö­sen entgegengestellt, mit ihnen gekämpft. Deshalb tut auch die Kirche von heute gut daran, das Böse im Leben der Glaubensgemeinschaft und der Welt nicht zu verharmlosen und kleinzureden. Denn erst vor dem Hintergrund der menschlichen Abgründigkeit und Bosheit gewinnt der Glaube seine wahre Kraft. Jesus hat geglaubt, und mit ihm haben Christen von Anfang an geglaubt: Das Böse kann überwunden werden. Aber es braucht einen starken Glauben. Es braucht den Kampf. Es bedarf einer ho­hen spirituellen Energie, um die Dämonen auszutreiben, die uns in den Strudel des Bösen hinein ziehen wol­len. Darum ist es gut, dass das Böse z.B. in der Taufliturgie beim Na­men genannt wird: „Widersagt Ihr dem Bösen?“, so wird die versammelte Gemeinde gefragt. Wenn wir diesen Bereich nämlich in unserer kirchlichen Theorie und Praxis einfach ausblenden würden, wäre das nur Verdrängung, aber keine erlösende Praxis. 

Ein Fall wie in Solingen stellt uns vor die Frage, ob wir stark genug sind, ob wir genug Glauben haben, ob wir festen Halt haben, um den Versuchungen des Bösen und der Verzweiflung zu widerstehen. Denn erst wenn die Mächte des Bösen besiegt sind, ist der Weg frei zu einem angst­freien, erlös­ten, heilen Leben. 

(Pfr. Rüdiger Hagens)