GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Wer ist mein Nächster? (Lk 10,29)

Stopp-Geste (c) Pfarrbriefservice.de
Datum:
Fr. 16. Sep. 2022
Von:
Helmut Keymer

Jesus antwortet mit einer Geschichte. Ein Mensch fiel unter die Räuber, sie zogen ihn aus, schlugen ihn und ließen ihn halbtot liegen. Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt durch Priester, Ordensfrauen, -männer und andere kirchliche Mitarbeiter-innen erleben mussten, sind unter die Räuber gefallen, ihnen wurde Unrecht angetan. Viele Betroffene erlebten nicht vorstellbares Leid an Körper und Seele. Sie wurden traumatisiert und oft wurde ihr Leben zerstört. Sie melden sich oft erst jetzt mit ihrer Leidensgeschichte, weil ihnen früher niemand glaubte, weil viel Scham mit der Gewalterfahrung verbunden ist und weil sie es verdrängen mussten, um überleben zu können. Ziel der Aufarbeitung ist u.a., Licht ins Dunkelfeld zu bringen und Betroffene zu ermutigen, ihre Geschichte zu erzählen.

Ein Samariter kommt vorbei „und es ward ihm weh ums Herz.“ Er lässt sich berühren, zeigt Mitgefühl und lindert das Leid. Frauen und Männer, die sich heute melden, weil sie im kirchlichen Kontext missbraucht wurden, wollen wahr- und ernst genommen werden, wollen Anerkennung ihres Leids und Gerechtigkeit. Sie fragen nach dem rettenden Nächsten. Hier sind wir Christen gefordert, sich um die zu kümmern, die bisher kaum oder wenig Beachtung fanden, weil sie das Bild einer "reinen Kirche" stören.

Es waren Christen, Priester mit der Vollmacht Sakramente, Zeichen göttlicher Heilkraft, zu spenden, die Un-heil brachten. Was früher nicht denkbar war, ist heute Gewissheit. Auch im Aachener Gutachten von 2020 zeigt sich, wie Verantwortliche des Bistums Beschuldigte und Täter geschützt und gedeckt haben und die Betroffenen und die Gemeinden nicht im Blick waren. Täter wurden in andere Gemeinden versetzt und brachten dort neues Un-heil.

Paulus schreibt über die christliche Gemeinde „ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm. Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“ (1Kor 12,12) Auf dem langen Weg der Aufarbeitung sind wir erst wenige Schritte gegangen. Der neu gegründete Betroffenenrat und die Aufarbeitungskommission beginnen gerade mit ihrer Arbeit und sie können dem Bistum die notwendigen Impulse von außen geben, damit mehr Gerechtigkeit und eine nachhaltige Prävention erreicht werden.

Die MHG-Studie definiert 2018 u.a. drei Macht-Themen, die in der katholischen Kirche den sexuellen Missbrauch begünstigen: Klerikalismus, unglaubwürdige Sexualmoral und die Rolle der Frauen. Im Rahmen des Synodalen Weges werden Antworten auf diese aktuellen und drängenden Fragen diskutiert und vereinbart. Es ist noch nicht entschieden, ob dieser Weg für die katholische Kirche in Deutschland ein Weg in eine hoffnungsvolle und glaubwürdige Zukunft führt oder ob er in einer Sackgasse endet.

Helmut Keymer

Eine Info- und Diskussionsveranstaltung zu dem Thema „Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Aachen“ findet am Mittwoch, den 28.9.2022, um 19.30 Uhr, in der Kirche St. Maria Empfängnis-Venn statt. Weitere Infos: https://gdg-mg-west.de/aktuelles/nachrichten/a-blog/klarText-reden/ Herzliche Einladung dazu!