GdG St. Peter Mönchengladbach-West

Ital. Weimbs-Orgel, früher in St. Peter Waldhausen, jetzt in St. Anna Windberg

Kopie eines altitalienischen Orgelwerks oder ein eigenständiges Werk mit italienischen Einflüssen? 

Wechselvoll waren die Überlegungen, die zur Auswahl des Standortes und des Stils der neuen Orgel für St. Peter Waldhausen führten (Nach der Schließung der Kirche St. Peter Waldhausen steht die Orgel seit 2008 in St. Anna Windberg).

Hier werden nur die wichtigsten Phasen der Planung wiedergegeben.

Anschreiben der Kirchengemeinde an die Orgelbaufirma Weimbs mit der Bitte um ein Kostenangebot für eine neue Orgel. Beigelegt ist das Leistungsverzeichnis des Orgelsachberaters des Bistums Aachen, Herrn KMD Viktor Scholz, Münsterkantor in Mönchengladbach.  Geplant ist ein Orgelwerk mit 24 Registern, salopp gesagt eine "deftig - rheinische Lieblichkeit" in bodenständiger deutscher Bauweise. Der vorgeschlagene Standort ist die rechte Seitenwand des Chors.  Der von den Orgelbauern von Anfang an favorisierte Standort der Orgel auf der Empore wird Ausgangs- punkt für eine grundlegende Neuplanung.

Zur Bereicherung der Orgellandschaft wird an ein Instrument im italienischen Stil gedacht und eine neue Disposition von KMD Viktor Scholz, Karl Hütz und Guiseppe Zanaboni, Direktor des Conservatorio di Musica "Guiseppe Nicolini" in Piacenza/l, erarbeitet.  Gutachten über die Tragfähigkeit der Empore, die immerhin eine Last von fast 4 Tonnen aufnehmen muss.  Entwurf zur äußeren und technischen Gestaltung des Orgelwerks.  Unterschrift des Bauvertrags zwischen der Kirchengemeinde und der Orgelbaufirma.

Studienreise der Planungsbeteiligten nach Piacenza, wo durch M°. Zanaboni und M°. Paperi dankens- werterweise die Möglichkeit gegeben wurde, Orgeln aus verschiedenen Zeitepochen (überwiegend Serassi-Orgeln) akustisch wie technisch aufzunehmen.  Nach dieser Studienfahrt, die bei allen Beteiligten einen bleibenden Eindruck von der faszinierenden Klangwelt dieser ursprünglich einmanualigen Instrumente hinterließ, war der Fragenkatalog zum Bau der Orgel noch angewachsen.

Lassen wir ein Instrument entstehen, das eine getreue Kopie des Originals ist und somit nur ein weniger gutes Duplikat sein kann oder spielen wir mit den seit altersher bekannten Gemeinsamkeiten der Orgeltypen, die sich erst im späten 16. Jahrhundert durch nationale bzw. landschaftlich gebundene Veränderungen der Charaktere zu unterscheiden beginnen?

Vielschichtig waren auch die Aspekte, die in Bezug auf die Mechanik, den Windladentyp und Materialien aus möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet und abgewogen sein wollten.  Nun steht sie droben, auf der Empore.

Der erste optische Eindruck - eine Italienerin! Doch - wie auch beim Menschen - zeigt sich hinter der Larve das wahre Gesicht! Tauchen wir ein in die Physiognomie, in die Welt der Hebel und Winkelchen, die Welt der großen und kleinen Stimmen und lassen uns den folgenden, etwas trockenen Stoff des technischen Aufbaus servieren wie ein vielgängiges Menue.  Nicht verleugnend den französischen Einfluss auf den rheinischen Orgelbau, basieren die Berechnungen des Herzstücks der Orgel - den Windladen - im Bereich des Windverbrauchs, der Kanzellen und Ventile auf dem reichen Erfahrungsschatz der alten franz. Meister.  Erbaut in sauberster deutscher Manier, als gespundete Schleifladen.  Die Spieltraktur, die wie sensible Nervenstränge das Spiel der Organistenhände von den Tasten durch Hebel, Abstrakten, Winkel, Wellen und Ärmchen zu den Ventilen überträgt, ist in präzisester deutscher Feinmechanik mit den verschiedensten Materialien ausgeführt.  Für die Abstrakten (Zugruten), wie auch die Ventile der Laden wurde Zedernholz verwendet, ein ölhaltiges, sehr biegsames leichtes Holz.

Die Wellen aus V2A-Stahl, Ärmchen aus Eisen, Gewindedrähte und Zwischenglieder aus Messing. Die Lagerung der Wellen aus Resitex, um eine möglichst genaue und spielfreie Übertragung der Bewegungen zu gewährleisten.  Das Ganze als "Hängetraktur" – sospeso – wie der Italiener melodiös sagt, gebaut. 

Über die in Eichenholz gefertigte Registertraktur werden durch Verschieben der aus Edelholz geformten Registerschieber die einzelnen Stimmen der Orgel zu- und abgeschaltet. Die Lungen des Werkes bestehen aus drei Bälgen - für jedes Werk ein Balg - die durch ein elektrisches Schleudergebläse mit Wind versorgt werden. Ein Rollenventil vor jedem Balg sorgt für rechtzeitigen Nachschub. Der in den Bälgen komprimierte Wind wird durch quadratische Holzkanäle hindurch in die einzelnen Windladen eingespeist. 

Die Stimmen (Register) der Orgel sind ein gar deliziöses Konglomerat von großen und kleinen Pfeifen, Bauformen, Materialien und Klangfarben.

Für die Weiten- und Labienbestimmung der Pfeifen ist ein fast kabalistisch anmutendes Zahlenspiel mit Arcanen von Nöten, das uns heutigen, abgeflachten und nüchtern denkenden Praktikern nur noch schwer erschließbar ist. Jedoch, dieses macht den Reiz und die Mischfähigkeit der Register untereinander aus, wie sich das an den vielen erhaltenen alten Orgelwerken, egal ob aus Nord oder Süd, Ost oder West, nachweisen läßt. Trotz größter Verwandtschaft hebt sich - hier im Besonderen - der sangesfreudige, elegante romanische Charakter wohltuend von der etwas herben nordischen Mentalität ab. Die etwas größeren Bleianteile der Zinn-Blei-Legierungen fördern den weichen und grundtönigen Gesang der Stimmen, ohne den Glanz wesentlich zu vermindern.

Dazu beeinflußt die Bauform, ob einfach zylindrisch, trichterförmig oder konisch, den Klang nicht minder. Deutlich wird das in den Zungenstimmen Tromba 8' und Oboe 8'. Im heutigen Orgelbau von gleicher Bauart und verwandtem Klang wurde die Oboe 8' des Espressivo in der im 16. und 17. Jahrhundert gebräuchlichen zylindrischen Körperform und die Tromba 8' mit verkürztem Schallbecher gebaut. Um jedoch unsere Ohren nicht mit der früher üblichen Klanggewalt zu malträtieren, wurden zwei über-einandergelegte Zungenblätter (hin- und herschwingende, tonerzeugende Messingblätter) zur Kräftedämpfung eingesetzt. Der Spieltisch ist als Schaltzentrale der Werkplatz des Organisten, in dem alle Nervenbahnen (Spiel- und Registertrakturen) zusammenlaufen.

Das wenige Sichtbare, die mit argentinischem Büffelknochen und Ebenholz belegten Manualtasten, das eichene Pedalklavier und die Registerschieber, sind nur der unscheinbarste Teil. Ein Gewirr aus Drähten, Wippen und Hebeln, das die Verbindung der einzelnen Werke untereinander und die Übertragung der Bewegungen auf die übrige Traktur bewältigt, verbirgt sich hinter der schützenden Wand des Gehäuses.

Das Tragegerüst der Orgel ist als integrierter Teil des Gehäuses in Eichenholz angelegt, und die Hauptlast wird - wie beim Menschen von der Wirbelsäule - vom Skelett der Rückwand des Frontgehäuses aufgenommen und abgeleitet. Das Gehäuse, aus nordischer Fichte gearbeitet, präsentiert sich mit seiner italienischen Prospektform in einem modernen Gewand, das sich durch auf ein Minimum reduziertes schmückendes Beiwerk als Pfeifenabschluß, mit seiner klaren Linienführung dem strengen Kirchenraum unterordnet. Für die Oberflächen und die Farben wurden bewußt nur naturbelassene Wachse und Öle verwendet, wie z.B. Lein- und Orangenöl, Bienenwachs, Erdpigmente etc.

Somit kann abschließend gesagt werden, daß weder ein Duplikat einer altitalienischen Orgel, noch ein starr-deutsches Werk geschaffen wurde, sondern eine Cosmopolitin, in der sich die verschiedensten Materialien aus allen Himmelsrichtungen zu einem, den Höchsten preisenden Ganzen vereinigen.

Valentin Micken